Jo Dunkel
Anna Geering
>>KAP Beitrag






Grenzgänger
Folgender Text basiert auf einem Gespräch mit Anna Geering & Jo Dunkel über ihre Arbeit im Januar 2006
Anna Geering & Jo Dunkel haben sich als Mitglied und Mitbegründer der seit über 10 Jahre bestehenden Basler Theatergruppe KLARA einen Namen gemacht. Seit 2002 entwickeln sie gemeinsam interdisziplinäre Projekte ausserhalb des Theaterraums. Die erste grössere gemeinsam realisierte Arbeit ist eine 5-teilige Videoarbeit, dieser folgte eine Performance im öffentlichen Raum und eine mehrteilige Videoinstallation.
Die Arbeit von Geering & Dunkel bewegt sich an den Schnittstellen zwischen Bildender Kunst und Theater. Die Überschreitung der Gattungs-grenzen zwischen den verschiedenen Künsten ist nicht nur typisch für deren Arbeit, sondern bezeichnend für die heutige Zeit. Längst lässt sich Bildende Kunst nicht mehr auf Artefakte und Theater auf die Verkörper-ung oder Verlebendigung eines Textes reduzieren. Zudem ist im Theater wie auch in der Bildenden Kunst eine gegenseitige Annäherung zu beobachten, die sich in der Tendenz hin zum Performativen äussert. Ein wesentliches Merkmal dessen ist, dass die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Konstituierung von Etwas gelenkt wird, auf das Geschehen als solches, wie etwas geschieht und dargestellt wird. Auch bei Artefakten ist häufig zu beobachten, dass diese den Herstellungsprozess mitthematisieren. Die Tendenz zum Performativen macht selbst an den Grenzen der Künste keinen Halt. In sämtlichen Bereichen des heutigen Lebens lässt sich diese Tendenz beobachten, so auch in der Welt der Politik. Staatsempfänge sind hochsymbolische Aktionen bei denen, neben der eigentlichen Funktion, der Form eine wesentliche Bedeutung zukommt. Der Charakter einer Aufführung, einer Inszenierung überlagert die eigentliche Handlung dieser staatlichen Zeremonie. Staatsempfang das Protokoll, so der Titel einer Performance von Geering & Dunkel, war eine einmalige und öffentliche Reinszenierung eines schweizerischen Staatsempfangs für ein nicht definiertes Gastland. Bis ins Kleinste ist im Protokoll festgelegt, wie ausländische Staatspräsidenten zu empfangen sind. Das Protokoll wurde als Regieanweisung benutzt und mit dem Transfer zum Rahmen, welcher frisch definiert und neu interpretiert werden konnte. Die Mischung von Funktion und performativer Form, dem Vollzug also und der Wirkung einer Handlung, lässt sich anhand von diesem Beispiel gut beobachten. Mit der Herauslösung aus dem ursprünglichen Kontext werden die Zeichen verstärkt nicht mehr in ihrer referentiellen Funktion gelesen, sondern als Zeichen selbst rezipiert. Die Emergenz dessen, was geschieht, wird wichtiger als die Handlung selbst.
Off The Beaten Track, Revisited baut auf einem ähnlichen Prinzip auf, ist aber dem privaten Bereich entlehnt und weitaus subtiler. Bei Off The Beaten Track, Revisited wird der Akt des Fotografierens touristischer Attraktionen und immer gleichen Sujets als Bestätigung erfolg-reichen Reisens, als Konsum von Zeichen und Bildern in den Vordergrund ge-rückt. In der Fokussierung auf das Performative der Handlung, die eine Abwei-chung vom bekannten Einstellungsrahmen ist, wird das Bedeutungsangebot der Handlungen und Objekte pluralisiert und als solches überhaupt wahrnehm-bar gemacht. Beim Betrachten von Ferienfotos fragen wir selten nach den Bedingungen, unter denen ein Bild entstanden ist oder nach der Begründung weshalb etwas abgebildet wurde. Wir nehmen den oftmals gelenkten, geführten Blick eines Touristen durch die Tourismusindustrie selten wahr.
In beiden der angeführten Projekten arbeiten Geering & Dunkel mit Vorlagen, spielen mit Codes und Zeichensystemen: Das Protokoll eines Staatsempfangs wird 1:1 als Regieanweisung benutzt und die aus einem Reiseführer ausge-wählten Bilder vor Ort mit exakt demselben Ausschnitt nachfotografiert. Mit Vorlagen arbeiteten Geering & Dunkel auch bei Couple Files, einer Video-arbeit. Diese besteht aus fünf Filmsequenzen, denen eine Anleitung von Per-sonen aus der Kunst, dem Theater, Tanz, Film und Journalismus speziell für das Künstlerpaar produziert, zugrunde liegt. Die verschiedenen Vorlagen, von Freunden bis hin zur bewunderten Künstlerin, haben sie abstrahiert und skiz-zenhaft umgesetzt. Die Aufgabenstellungen werden dem Rezipienten offenge-legt, nicht aber die Manuskripte, denen sie folgen sollten. Couple Files sind zitathafte, vielschichtige und vieldeutige Umsetzungen der angefragten Ideen, Aufgaben oder dramaturgischen Situationen. Geering & Dunkel haben je nach Genauigkeit der Angaben, die fremden Ideen frei interpretiert, indem sie sich sowohl die Vorlagen angeeignet, als auch fremdes mit eigenem Material gleichgeschaltet haben. Nicht die perfekte Umsetzung steht im Vordergrund, sondern die Suche nach der richtigen Form mit den ihnen zur Verfügung ste-henden Mitteln. Aus dem Mangel an Ressourcen erhalten die Filmsequenzen etwas Skizzenhaftes, werden abstrakter, wobei sowohl die Idee als auch die gewählte Form der Darstellung in den Mittelpunkt gerückt werden nicht aber die Handlungen als solche. In dem eigenes mit fremdem Material gleichge-schaltet wird und einiges angedeutet bleibt, wird hier unsere Aufmerksamkeit auf den Herstellungsprozess, auf die Konstituierung und die je spezifische Darstellungsform gelenkt. Anna Geering & Jo Dunkel arbeiten an den Grenzen zwischen Gespieltem und Privatem, Humor und Ernst und richten dabei unseren Blick auf die jeweils spezifische Umsetzung und Darstellungsform als künstlerisches Mittel.
Alice Cantaluppi
Urban-Suburban-Rural-Tourist
Installation, 2005
Anna Geering & Jo Dunkel waren 2005 für sechs Monate mit einem Auslandstipendium in Südafrika. Für die ersten drei Monate hatten sie ein Gastatelier in Johannesburg, danach eines in Kapstadt. Sie realisierten eine dreiteilige Videoarbeit, die sie in beiden Städten als Installation in einer Ausstellung zeigten. In der Arbeit setzen sie sich mit ihrer Situation als Gäste vor Ort auseinander.
Früher brachte man Seide oder Gewürze von den Reisen mit nach Hause, heute sind es meist Fotos die als Bestätigung erfolgreicher Reisen dienen. Bilder, die gemacht werden stammen oft aus dem Fundus medialvermittelter Bilder der Tourismusindustrie - diese speisen neben den subjektiven Erfahrungen die Vorstellungen von fremden Ländern und Kulturen. Diese Vorstellungen und Bilder sind in der meist kurzen Urlaubszeit nur schwer zu verändern. Deshalb gehen oft vorgefasste Bilder mit auf die Reise, die den Akt des Fotografierens in die Nähe des Konsumierens rückt. Anna Geering und Jo Dunkel fuhren mit einem Mietwagen durch die Provinzen Mpumalanga und Limpopo und orientierten sich dabei an dem Reiseführer “Off the beaten track³, der 1987 vom Automobilclub herausgegeben wurde. Sie sind die “Panorama Route³ aus dem Reiseführer abgefahren und haben ausgewählte Abbildungen aus dem Buch nachfotografiert, die in der Ausstellung zusammen mit dem Original gezeigt werden und einem Video, dass den Akt des Suchens nach dem richtigen Ausschnitt zeigt. Die Bilder in dem Reiseführer zeigen die unverfänglich schöne Landschaft Südafrikas, nur wenige Abbildungen von Menschen lassen sich finden. Die Weissen stehen für erfolgreiche Taten im Krieg gegen die “Wilden³ und die Bezähmung und Kultivierung der “Wildnis³, die SchwarzafrikanerInnen hingegen werden entweder folkloristisch als natur verbundene Bewahrer alter Werte und Traditionen beim Verrichten ihrer häuslichen Pflicht in einem Dorf auf dem Land gezeigt oder bei der Arbeit auf einer Plantage. Off The Beaten Track, Revisited, so der Titel dieser Arbeit, zeigt einen anderen Blick auf jene Sammelleidenschaft, die in scheinbarer Naivität all die Wunder dieser Welt abläuft und sich dabei in der Unschuld unbewusster Komplizen-schaft wiegt. Tourismus wird hier als Konsum von Zeichen und Bildern gezeigt, denn das im Titel versprochene “abseits der ausgetretenen Pfade³ erweist sich als das genaue Gegenteil: Die zu bewundernde landschaftliche Schönheit ist ausgeschildert und auf dem extra dafür gebauten Parkplatz fehlen selbst die Löcher für die Kamera im Zaun vor einem Abgrund nicht.
Postkoloniales Blickregime und Machtkonstellationen beschränken sich nicht auf zeitliche und/oder begrenzte historische Prozesse, sondern strukturieren gesellschaftliche Verhältnisse und reproduzieren sich in ihnen. Die Suche nach dem Folkloristischen ist nicht immer so weit weg von der Suche nach den “Misständen³ in einer fremden Kultur, der Blick
auf das vermeintlich Fremde nicht weit weg von dem mitleidigen Blick auf die Armut. Aus der reichen Schweiz kommend, wie ist damit umzugehen, wie dem zu begegnen? Und lebt im Mitleid nicht oft der koloniale Blick auf das Fremde weiter? Teach Me the Dance heisst die
zweite Arbeit und ist der Versuch eines Austauschs und Dialog mit den BewohnerInnen von Kliptown Soweto, einer Township etwas ausserhalb Johannesburgs. Anna und Jo haben sich von einer Gruppe junger Frauen und Mädchen, die selbst erarbeitete Choreographie zu einem populären Song, Bewegung für Bewegung lehren lassen. Die etwas ungelenken
Bewegungen der beiden Fremden amüsieren die Mädchen und es ist nicht ersichtlich wem diese Situation nun peinlicher ist: Den beiden Künstlern, die sich im Tanz versuchen oder den Mädchen, die ihnen dabei zu-schauen. Die für beide Seiten bekannte Situation, der Weisse unter-richtet die Schwarzen, wie etwas zu tun sei, wird hier umgedreht und
die Bühne auf diesen Schauplatz in einer Ruine von Kliptown freigegeben.
Im dritten Teil, Hello Monstercity, sind zwei Personen im Gespräch auf dem Dach eines Hochhauses in Johannesburg zu sehen. Im Hintergrund die Skyline und der 269m hohe Hilbrow Tower, der ein Wahrzeichen von Johannesburg ist und die Skyline beherrscht, aber gleichzeitig die absolute Non-Go-Area für Weisse ist und damit Symbol für die gegenwärtige Situation im Zentrum der Stadt . In dem Dialog, in Form von Sprechblasen projiziert, geht es um Abgrenzung gegenüber dem abenteuerlustigen Touristen aus der “Ersten Welt³ der Armenviertel
besucht, dem äussern der eigenen Unsicherheiten im Umgang mit der Heftigkeit dieser Stadt und dem Erleben der eigenen Grenzen.
Anna Geering & Jo Dunkel thematisieren in Urban-Suburban-Rural-Tourist ihre Situation als Gast in einem fremden Land und entwickeln dabei einen multiperspektivischen Blick, der sich der kolonialgeschichtlichen Einflüsse bewusst ist und den eigenen subjektiven Standpunkt widerspiegelt. Das Ringen um den eigenen Standpunkt geschieht dabei mit Humor und als Spiel zwischen Realität und Fiktion.
Alice Cantaluppi
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